Christus am Ölberge

Ludwig van Beethoven
(1770 - 1827)

 

Christus am Ölberge

Oratorium für drei Solostimmen, Chor und Orchester op. 85

Introduktion - Rezitativ "Jehova, du, mein Vater!" - Arie "Meine Seele ist erschüttert!"
Rezitativ "Erzittre, Erde, Jehovahs Sohn liegt hier" -
Arie "Preist des Erlösers Güte" - Chor "Oh, Heil euch, ihr Erlösten!"
Rezitativ "Verkündet, Seraph, mir dein Mund" -  Duett "So ruhe denn mit ganzer Schwere"
Rezitativ "Willkommen, Tod!" - Chor "Wir haben ihn gesehen"
Rezitativ "Die mich zu fangen ausgezogen sind" - Chor "Hier ist er, hier ist er"
Rezitativ "Nicht ungestraft soll der Verwegnen Schar"
Terzett und Chor "In meinen Adern wühlen" -  Schlusschor "Welten singen"

 

Christus am Ölberge

Mit Händels handlungsbetonten, musikdramatischen und Haydns mehr kontemplativen Oratorien hatte diese Gattung den Raum der Kirche verlassen und den Konzertsaal erobert. Ein Höhepunkt des oratorischen Schaffens schien erreicht, was den Stillstand in der Komposition nach 1800 erklärt. Politische und geistesgeschichtliche Gründe spielten für das schwindende Interesse an dem Genre ebenfalls eine Rolle. In dieses Vakuum stieß Beethoven mit seinem Oratorium Christus am Ölberge vor, das er als erstes und frühes Werk in der Art, in 14 Tagen zwischen allem möglichen Tumult und anderen unangenehmen ängstigenden Lebensereignissen 1803 (wahrscheinlich im März) komponierte.

Christus am Ölberge entstand in den ersten Wochen des Jahres 1803. Als während der Fastenzeit Opernaufführungen verboten waren, ließ Emanuel Schikaneder, der berühmte Direktor des Theaters an der Wien, publikumswirksame Konzerte aufführen. Beethovens Oratorium schien mit seinen vor der Passion Christi angesetzten Inhalten ein passender Ersatz. Gleichzeitig betrat Beethoven neues kompositorisches Terrain und konnte sich seinem Publikum erstmals mit einem Vokalwerk präsentieren. Die Uraufführung erfolgte im Theater an der Wien in jener denkwürdigen Mammutakademie am 5. April 1803, in der auch die zweite Sinfonie und das dritte Klavierkonzert von Beethoven erstmals erklangen.

Die Einstudierungsarbeit für die Uraufführung war unzureichend. So berichtete Beethovens Schüler Ferdinand Ries, der bei der Generalprobe zugegen war: "Es war eine schreckliche Probe und um halb drei Uhr alles erschöpft und mehr oder weniger unzufrieden (...)".

Trotz der Länge des Konzertabends wurde Christus am Ölberge von der Hörerschaft gut aufgenommen und zu einem der wenigen Erfolge, die dem Komponisten während seiner Lebzeit vergönnt waren. Die Allgemeine Musikalische Zeitung lobte das Oratorium als sensationellen Erfolg: "Wenn die Ouvertüre das Hauptgefühl concentriert aussprechen soll, welches das ganze übrige Stück zunächst beleben wird: so ist, schon in dieser Hinsicht, die vorliegende ein Meisterstück.(...)Mit wahrhaft feyerlichem Ernst verweiset der Componist beym Anfange alle höheren Instrumente zum Schweigen, und lässt nur die Fagotte, in ihrer tiefsten Octave, die Hörner, die Tenor- und die, erst mit dem letzten Viertel hinzutretenden Bass-Posaune, sämmtlich im Einklange, einen gebrochenen Accord angeben; und zwar den Accord der Tonart, von welcher Schubart in seiner energischen Sprache bemerkte, wenn Gespenster reden könnten, so müßten sie aus dieser Tonart, mit ihren frostig packenden, erschütternden Klängen, sprechen - nämlich Es moll."

In seiner dunklen Tonart verweist die kontemplative Es-Moll-Einleitung bereits auf Fidelio, die einzige Oper Beethovens, die ebenfalls im Theater an der Wien uraufgeführt wurde. Musikalische Anklänge verweisen auch auf das Kompositionsstudium bei Antonio Salieri, erinnern an Carl Philipp Emanuel Bach, Mozart oder Haydn. Das Textbuch stammt von Franz Xaver Huber, einem Wiener Schriftsteller, der sich als Librettist bereits einen Namen gemacht hatte. Beethoven war davon nicht vollständig überzeugt: In einem Brief schrieb er 1824, er wolle lieber Homer, Klopstock oder Schiller vertonen, die er wegen ihrer dramatischeren Sprache dem reflexiven Ton Hubers vorzog. Dennoch veränderte er 1811 zur Drucklegung keine Silbe des von innerer Reflexion und Geistlichkeit getragenen Textes.

Die Handlung des Oratoriums setzt im Garten Gethsemane ein, als Jesu Verhaftung kurz bevorsteht und er seinen Vater um Trost bittet, gleichzeitig aber seinen bevorstehenden Kreuzestod "zum Heil der Menschheit" willkommen heißt. Als die Krieger auftauchen, um Jesus zu verhaften, bittet er seinen Vater, die Leidensstunden mögen schnell vorübergehen. Währenddessen flehen die Jünger um Erbarmen. Petrus versucht, Jesus zu retten, wird aber von diesem davon abgehalten. Als Jesus von den Kriegern gepackt wird, beschließt ein Chor der Engel das Werk.

Nr. 1 Introduktion, Rezitativ und Arie

JESUS
Jehova, du mein Vater!
O sende Trost und Kraft und Stärke mir.
Sie nahet nun, die Stunde meiner Leiden,
von mir erkoren schon,
noch eh´ die Welt auf dein Geheiß
dem Chaos sich entwand.
Ich höre deines Seraphs Donnerstimme,
sie fordert auf,
wer statt der Menschen sich
vor dein Gericht jetzt stellen will.
O Vater! ich erschein´ auf diesen Ruf.
Vermittler will ich sein,
ich büße, ich allein, der Menschen Schuld.
Wie könnte dies Geschlecht, aus Staub gebildet,
ein Gericht ertragen, das mich,
mich, dein Sohn, zu Boden drückt?
Ach sieh! wie Bangigkeit,
wie Todesangst mein Herz mit Macht ergreift!
Ich leide sehr, mein Vater!
O sieh! ich leide sehr, erbarm dich mein!

Arie

JESUS
Meine Seele ist erschüttert
von den Qualen, die mir dräun.
Schrecken fasst mich, und es zittert
grässlich schaudernd mein Gebein.
Wie ein Fieberfrost ergreifet
mich die Angst beim nahen Grab,
und von meinem Antlitz träufet
statt des Schweißes Blut herab.
Vater! tief gebeugt und kläglich
fleht dein Sohn hinauf zu dir!
Deiner Macht ist alles möglich,
nimm den Leidenskelch von mir!...

Nr. 2 Rezitativ, Arie und Chor

SERAPH
Erzittre, Erde, Jehovas Sohn liegt hier!
Sein Antlitz tief in Staub gedrückt,
vom Vater ganz verlassen,
und leidet unnennbare Qual.
Der Gütige! Er ist bereit,
den martervollsten Tod zu sterben,
damit die Menschen, die er liebt,
vom Tode auferstehen und ewig leben!
Arie

SERAPH
Preist des Erlösers Güte,
preist, Menschen, seine Huld!
Er stirbt für euch aus Liebe,
sein Blut tilgt eure Schuld.

SERAPH, CHOR DER ENGEL
O Heil euch, ihr Erlösten,
euch winket Seligkeit,
wenn ihr getreu in Liebe,
in Glaub´ und Hoffnung seid.
Doch weh! Die frech entehren
das Blut, das für sie floss
sie trifft der Fluch des Richters,
Verdammung ist ihr Los!

Nr. 3 Rezitativ und Duett

JESUS
Verkündet, Seraph, mir dein Mund
Erbarmen meines ewgen Vaters?
Nimm er des Todes Schrecknisse von mir?

SERAPH
So spricht Jehova:
Eh´ nicht erfüllet ist
das heilige Geheimnis der Versöhnung,
so lange bleibt das menschliche Geschlecht
verworfen und beraubt des ewgen Lebens.

Duett

JESUS
So ruhe denn mit ganzer Schwere
auf mir, mein Vater, dein Gericht.
Gieß über mich den Strom der Leiden,
nur zürne Adams Kindern nicht!

SERAPH
Erschüttert seh´ ich den Erhabnen
in Todesleiden eingehüllt.
Ich bebe, und mich selbst umwehen
die Grabesschauer, die er fühlt.

JESUS, SERAPH
Groß sind die Qual, die Angst, die Schrecken,
die Gottes Hand auf mich/ihn ergießt,
doch größer noch ist meine/seine Liebe,
mit der mein/sein Herz die Welt umschließt.

Nr. 4 Rezitativ und Chor

JESUS
Willkommen, Tod, den ich am Kreuze
zum Heil der Menschheit blutend sterbe!
O seid in eurer kühlen Gruft gesegnet,
die ein ewger Schlaf in seinen Armen hält;
ihr werdet froh zur Seligkeit erwachen.

CHOR DER KRIEGER
Wir haben ihn gesehen
nach diesem Berge gehen,
entfliehen kann er nicht,
sein wartet das Gericht.

Nr. 5 Rezitativ und Chor

JESUS
Die mich zu fangen ausgezogen sind,
sie nahen nun.
Mein Vater!
O führ in schnellem Flug
der Leiden Stunden an mir vorüber,
dass sie fliehn, rasch, wie die Wolken,
die ein Sturmwind treibt,
an deinen Himmeln ziehn.
Doch nicht mein Wille, nein,
dein Wille nur geschehe.

CHOR DER KRIEGER
Hier ist er, der Verbannte,
der sich im Volke kühn
der Juden König nannte
ergreift und bindet ihn!

CHOR DER JÜNGER
Was soll der Lärm bedeuten?
Es ist um uns geschehen!
Umringt von rauen Kriegern,
wie wird es uns ergehn?
Erbarmen, ach Erbarmen...!

Nr. 6 Rezitativ, Terzett und Chor

PETRUS
Nicht ungestraft soll der Verwegnen Schar
dich Herrlichen, dich,
meinen Freund und Meister,
mit frecher Hand ergreifen!

JESUS
O lass dein Schwert in seiner Scheide ruhn;
wenn es der Wille meines Vaters wäre,
aus der Gewalt der Feinde mich zu retten,
so würden Legionen Engel
bereit zu meiner Rettung sein.

Terzett

PETRUS
In meinen Adern wühlen
gerechter Zorn und Wut,
lass meine Rache kühlen
in der Verwegnen Blut!

JESUS
Du sollst nicht Rache üben,
ich lehrt euch bloß allein,
die Menschen alle lieben,
dem Feinde gern verzeihn!

SERAPH
Merk auf, o Mensch, und höre:
nur eines Gottes Mund
macht solche heilge Lehre
der Nächstenliebe kund.

SERAPH, JESUS
O Menschenkinder, fasset
dies heilige Gebot:
Liebt jenen, der euch hasset,
nur so gefallt ihr Gott!
PETRUS
In meinen Adern wühlen...
lass meine Rache kühlen...
JESUS
Du sollst nicht Rache üben...
SERAPH, JESUS, PETRUS
O Menschenkinder, fasset
dies heilige Gebot...
Chor

CHOR DER KRIEGER
Auf, auf! Ergreifet den Verräter,
weilet hier nun länger nicht,
fort jetzt mit dem Missetäter,
schleppt ihn schleunig vor Gericht!
CHOR DER JÜNGER
Ach! wir werden seinetwegen
auch gehaßt, verfolget sein.
Man wird uns in Bande legen
martern und dem Tode weihn.
JESUS
Meine Qual ist bald verschwunden,
der Erlösung Werk vollbracht,
bald ist gänzlich überwunden
und besiegt der Hölle Macht!

CHOR DER ENGEL
Welten singen Dank und Ehre
dem erhab´nen Gottessohn.
Preiset ihn, ihr Engelchöre,
laut im heil´gen Jubelton!